Wenn Pornografie zum Problem wird – Einblicke in unsere Angebote

veröffentlicht am 16.09.2026

Pornografie ist heute nur wenige Klicks entfernt – jederzeit verfügbar, anonym und mit nahezu unbegrenzt neuen Inhalten. Für die meisten Menschen ist ihr Konsum unproblematisch. Doch was passiert, wenn aus gelegentlicher Nutzung ein Verhalten wird, das sich immer schwerer steuern lässt? Wenn man sich wiederholt vornimmt, weniger oder gar keine Pornografie mehr anzuschauen – und es trotzdem nicht schafft? Mit genau diesen Fragen wenden sich zunehmend Menschen an uns, die Suchthilfe Aachen.

Von 20 auf 108 Betreuungen in zwei Jahren

Seit 2023 beschäftigen wir uns intensiv mit der Pornografienutzungsstörung, kurz PNS. Was zunächst mit einzelnen Anfragen begann, entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einem zunehmend bedeutsamen Bereich unserer Beratungsarbeit. Die Zahlen zeigen diese Entwicklung eindrücklich:

2023 betreuten wir 20 Menschen mit dieser Problematik, 2024 waren es bereits 81 und 2025 schließlich 108 Betreuungen. Im ersten Halbjahr 2026 hatten bereits 106 Menschen unser Beratungsangebot in Anspruch genommen – damit nahezu so viele wie im gesamten Vorjahr.

Diese Entwicklung erleben wir nicht als kurzfristigen Trend. Sie zeigt vielmehr, dass es einen erheblichen Bedarf an qualifizierter und zugleich niedrigschwelliger Unterstützung gibt. Hinzu kommt: Die Nachfrage beschränkt sich längst nicht auf Aachen und die StädteRegion. Uns erreichen Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet. Gerade weil Pornografienutzung noch immer stark mit Scham besetzt ist, gehen wir zudem davon aus, dass die Menschen, die sich tatsächlich an eine Beratungsstelle wenden, nur einen Teil der Betroffenen darstellen. Viele haben lange versucht, ihren Konsum allein zu kontrollieren, bevor sie erstmals professionelle Unterstützung suchen. Die stark zunehmende Nachfrage war für uns ein wesentlicher Grund, mit Unterstützung der Caritas-Gemeinschaftsstiftung ein spezialisiertes Beratungs- und Behandlungsangebot aufzubauen und dieses kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Wann wird Pornografiekonsum zum Problem?

Nicht jeder häufige Pornografiekonsum ist eine Störung. Entscheidend ist weniger, wie oft jemand Pornografie nutzt, sondern vielmehr ob die Kontrolle über das eigene Verhalten zunehmend verloren geht und daraus erhebliche Belastungen im Alltag entstehen. Viele Betroffene beschreiben einen ähnlichen Kreislauf: „Heute schaue ich nicht…“ oder „…rur für ein paar Minuten“. Vielleicht gelingt das einige Tage. Dann kommen Stress, Langeweile, Einsamkeit, innere Anspannung oder sexuelles Verlangen – und der Konsum beginnt erneut. Aus wenigen Minuten können Stunden werden. Verpflichtungen werden aufgeschoben, Schlaf wird vernachlässigt, Konzentration und Leistungsfähigkeit leiden. Andere erleben Konflikte in ihrer Partnerschaft oder Veränderungen ihrer Sexualität. Obwohl die negativen Konsequenzen längst erkannt werden, gelingt es nicht, das Verhalten dauerhaft zu verändern.

Pornografie kann dabei eine Funktion übernehmen, die weit über Sexualität hinausgeht. Sie kann kurzfristig Stress reduzieren, unangenehme Gedanken verdrängen oder Gefühle wie Einsamkeit und Überforderung in den Hintergrund treten lassen. Problematisch wird es, wenn sie immer häufiger zur zentralen Strategie wird, um mit solchen Gefühlen umzugehen. „Warum schaffe ich es nicht einfach, aufzuhören?“ Diese Frage begegnet uns in der Beratung häufig und mit ihr Scham und Schuld.

Viele Betroffene haben lange mit niemandem über ihren Konsum gesprochen. Nach jedem erfolglosen Versuch, das Verhalten zu kontrollieren, wächst die Enttäuschung über sich selbst. Manche erleben ihr Verhalten zunehmend als persönliches Versagen. Genau deshalb ist eine wertfreie Beratung so wichtig. Es geht nicht darum, Sexualität oder Pornografie moralisch zu bewerten. Vielmehr wollen wir verstehen: Welche Bedeutung hat der Konsum für diesen Menschen bekommen? Was löst ihn aus? Was hält ihn aufrecht? Und was braucht es, um wieder selbst entscheiden zu können?

Besonders häufig suchen junge Erwachsene Hilfe

Auch ein Blick auf die Altersstruktur ist interessant. Die Menschen, die unser Angebot bislang genutzt haben, waren zwischen 15 und 60 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt liegt bei rund 31 Jahren, das Medianalter bei 28,5 Jahren. Wir erreichen damit auffallend viele junge Erwachsene und häufig in wichtigen Lebensphasen rund um Ausbildung, Studium, Berufseinstieg und Partnerschaft. Gerade hier können Schlafmangel, Prokrastination, Konzentrationsprobleme oder sozialer Rückzug erhebliche Auswirkungen haben.

Was kann helfen?

Ein wichtiger erster Schritt besteht häufig darin, das Problem nicht länger allein bewältigen zu müssen. Gemeinsam schauen wir darauf, wie sich der Konsum entwickelt hat, wann Suchtdruck entsteht und welche persönlichen Risikosituationen und Konsummotive eine Rolle spielen. Daraus ergeben sich sehr unterschiedliche Ansatzpunkte: Rückfallprävention und konkrete Möglichkeiten zur Unterbrechung automatisierter Konsummuster gehören ebenso dazu wie der Umgang mit Stress, Einsamkeit und unangenehmen Gefühlen. Aber auch Partnerschaft, Sexualität, persönliche Werte, Scham und der Umgang mit sexualisierten Gedanken können wichtige Themen sein. Besonders wertvoll erleben viele Betroffene unsere Orientierungsgruppe. Dort erfahren sie häufig erstmals: Andere kennen ähnliche Gedanken, Rückfälle und Schwierigkeiten. Der Austausch kann dazu beitragen, Scham abzubauen und Veränderung überhaupt erst möglich erscheinen zu lassen. Inhaltlich beschäftigt sich die Gruppe unter anderem mit Rückfallprävention, Konsummotiven, Emotionsregulation, Achtsamkeit, Partnerschaft und sexualethischen Fragen.

 

 

In einer Bettwäsche liegt ein Tablett auf dem eine stöhnende Frau zu erkennen ist.
René Fischer

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