Alkoholkonsum in der Coronakrise

veröffentlicht am 30.04.2020

Generell ist Alkohol die Volksdroge Nummer eins. Der Gesamtverbrauch an alkoholischen Getränken in Deutschland stieg im Jahr 2018 um 0,3 Liter auf 131,3 Liter Fertigware je Einwohner. Diese Menge entspricht in etwa einer Badewanne an Bier, Wein, Schaumwein und Spirituosen.

Gesteigerter Alkoholkonsum durch Corona

Doch durch die Coronakrise kaufen und konsumieren die Menschen gerade mehr Alkohol. Das geht aus Daten des Marktforschungsinstituts GfK hervor, die der „Spiegel“ ausgewertet hat: Von Ende Februar bis Ende März wurde etwa ein Drittel mehr Wein gekauft als im gleichen Vorjahreszeitraum. Auch bei Spirituosen wie Gin oder Korn beträgt die Steigerung demnach rund 31 Prozent gegenüber 2019. Der Verkauf von Alkoholmischgetränken wuchs sogar um rund 87 Prozent – diese Getränke machen allerdings nur einen geringen Marktanteil aus. Der Bierverkauf wuchs laut GfK um 11,5 Prozent. Die Daten beruhen auf regelmäßigen Einkäufen von 30.000 Haushalten im Einzelhandel.

Gründe für den gesteigerten Alkoholkonsum

  • Alkohol wird häufig als vermeintlicher Sorgenlöser genutzt. In der derzeitigen Lage – Angst vor Corona, Angst um geliebte Menschen, Homeoffice, Kurzarbeit und Geldsorgen, Existenzängste für Selbständige, Homeschooling, Kontaktsperre… um nur einige Schlagworte zu nennen – wird besonders Entspannung gesucht  – in welcher Form auch immer. Die genannten Aspekte sind oft Auslöser für den Griff zur Flasche, um diese Ängste zu betäuben.
  • Ängste und Sorgen für häufig zu Schlafstörungen, sodass Alkohol als Beruhiger und „Schlafmittel“ genutzt wird.
  • Das Coronavirus zwingt die Menschen seit Wochen zu Hause zu bleiben. Bars und Restaurants sind geschlossen, auch private Feierlichkeiten finden nicht statt. Das bringt einige in eine gefährliche Situation, wenn das Feierabendbierchen schon mittags im Homeoffice getrunken wird. Die Grenzen zwischen Privat und Arbeit verschwimmen, die soziale Kontrolle durch Kollegen oder Freunde fällt weg.
  • Kontaktsperre und die Empfehlung der Regierung, zu Hause zu bleiben, führt zu Langeweile, die mit Alkohol überlagert wird.

Risikogruppen

Die Corona-Krise ist eine außergewöhnliche Situation für uns alle, bei vulnerablen (verletzlichen, anfälligen) Menschen kann sie jedoch im besonderen Maße den Hang zum Konsum von Suchtmitteln befördern. Dazu gehören beispielweise

  • depressive Menschen
  • Menschen, die schon vor Corona allein zu Hause getrunken haben
  • trockene Alkoholiker

Aber auch für die, die sich in dieser Aufzählung nicht wiederfinden, kann ein längerandauernder erhöhter Alkoholkonsum zu seelischen und/oder körperlichen Risiken führen sowie langfristig zu eibner Abhängigkeit.

Gefahr von Rückfällen

Gerade trockene Alkoholiker scheinen in dieser Situation der Krise besonders gefährdet zu sein: Selbsthilfegruppen werden abgesagt, Beratungs- und Therapieangebote in vielen Fällen auf Telefon- oder Videoberatung beschränkt, stabilisierende Kontakte zu Menschen oder ablenkende Freizeitbeschäftigungen fallen gerade weg. Dazu kommen die o.g. Ängste und Sorgen sowie Einsamkeit, sodass sich ein erneuter Konsum verdächtig nah anschleichen kann.

Mythos „Alkohol tötet Viren“

Einige Menschen glauben, dass Alkohol vor Ansteckung mit dem Coronavirus schützt. Doch Alkoholkonsum ist natürlich keine wirksame Maßnahme gegen Viren, Infektionen oder Erkrankungen! Im Gegenteil: Alkohol schwächt das Immunsystem. Gerade in diesen Zeiten ist Alkohol durch seine enthemmende Wirkung gefährlich, weil er die Aufmerksamkeit mindert und das Bewusstsein für Vorsicht, Umsicht und Fürsorge herabsetzt. Dadurch werden die notwendigen Schutzmaßnahmen für Hygiene und Abstand gefährdet.

Alkohol und Gewaltbereitschaft

Häusliche Gewalt ist ein wichtiges Thema, gerade in Zeiten von Kurzarbeit und geschlossenen Schulen. Alkohol reduziert die Impulskontrolle und erhöht Gewaltbereitschaft und Rücksichtslosigkeit. Partnerschaften werden belastet und Kinder fühlen sich benachteiligt. Nicht selten führt Alkohol zur Eskalation von Konflikten.

 

Unsere Einschätzung

„Schon die „normalen Konsumenten“ sind gerade gefährdeter, weil Corona zu mehr mehr Frustration im Alltag führt und mehr zuhause getrunken wird. Wir stellen bei unseren Patienten und Ehemaligen, mit denen wir im Kontakt sind,  viele Hochrisikosituationen und/oder Rückfälle fest.
Ich beobachte bei den Patienten, dass sie zunehmend mehr Probleme haben und Gefühle von Angst/Panik, Einsamkeit, Stimmungsschwankungen/Depressionen, Anspannung etc. spüren. Es ist für diese Zielgruppe schwer, diese Gefühle ohne Rückfälle zu regulieren.
Die oft gerade frisch aufgebauten Ressourcen in der Therapie – wie Sportgruppen, Selbsthilfegruppen, soziales Netz, Stellensuche – fallen durch Corona weg. Eine Anpassung des Gelernten fällt den Patienten schwer, da sie in ihrer Biografie oft nicht gelernt haben, sich Hilfe und Unterstützung zu holen.
Manche werden auch rückfällig, weil die Situation und Berichte über Gewalt bei Kindern etc. alte überflutende Gefühle triggert. Besonders die Traumatisierten kämpfen mit Alpträumen, Flashbacks, Intrusionen und Affektbrücken, die sie schlagartig in alte Gefühlszustände befördern (Hilflosigkeit/ausgeliefert sein, allein gelassen werden, eingesperrt werden, Verluste u.a.).“ – Ruth Schwalbach, Suchttherapeutin

Quellen:
https://app.handelsblatt.com/unternehmen/theshift/andreas-jaehne-suchtexperte-ich-wuerde-jedem-raten-alkohol-komplett-sein-zu-lassen/25751402.html?ticket=ST-408553-1bvctS2AtAbHubReru1P-ap6
https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/durch-corona-quarantaene-gefahr-von-rueckfaellen-in-alkoholsucht,RwKZjcc?fbclid=IwAR2lfQZq9BRRVnlY48jh5SBUs4RpwHZLhJgFq4GtNfqfQgRrH5S-NVsb4-U
https://rp-online.de/panorama/coronavirus/alkohol-verkauf-in-corona-krise-gestiegen-sorgen-befoerdern-konsum_aid-50137939
abgerufen am 28.04.2020
Bildquelle: Photo by Jerry Zhang on Unsplash

 

 

 

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