Aktionswoche Alkohol, Impuls 3: Interview mit einem Betroffenen

veröffentlicht am 22.05.2019

Vorstellung

M: Vielleicht stellst du dich am besten einmal vor.

W: Mein Name ist Werner, Werner Barke. Ich bin 67 Jahre alt und Alkoholiker, aber schon seit einigen Jahren trocken.

 

Die Sucht

M: Wann hast du gemerkt, dass du süchtig bist?

W: Es gibt in der Rückschau ein paar Punkte, an denen ich es festmachen kann, dass ich ein Problem hatte. Aber wie stark das Problem war, damit musste sich jemand auseinandersetzen, der davon Ahnung hatte. Als ich mitten drin steckte in der Sucht, habe ich nicht mitbekommen, ob ich süchtig war oder noch nicht. Aber ich habe schon mitbekommen, dass mein Trinkverhalten auffällig ist, dass ich zu viel trinke. Von dem Moment an, als ich das erste Mal merkte, dass ich ab und an zu viel trinke, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich wirklich etwas unternommen habe, hat 16 Jahre lang gedauert. Fürchterlich eigentlich, im Nachhinein!

M: In dem Moment hat es sich wahrscheinlich auch gar nicht wie 16 Jahre angefühlt.

W: Nein, ich habe es ja gar nicht mitbekommen. Mit 30 Jahren habe ich schon gemerkt, dass ich gerne trinke und das ich auch ab und an zu viel trinke. Dann habe ich mich mal ein bisschen zusammengerissen… und dann ging das auch wieder. Ich war noch nicht außerhalb der Norm, denn es wird ja generell sehr viel in unserer Gesellschaft getrunken. Ich habe mich immer ein bisschen damit getröstet: „Na, die anderen trinken ja viel mehr als ich.“ Aber das war natürlich Selbstbetrug. Für mich war die Menge, die ich getrunken habe, zu viel. Die hat mich beeinträchtigt. Schon damals in meinem Denken, und deswegen musste ich auch immer mal wieder die Bremse ziehen. Mit 34 Jahren habe ich dann angefangen, Marathon zu laufen – auch um es mir zu beweisen. Um Marathon zu laufen, musste ich viel trainieren und dadurch natürlich viel weniger getrunken. Ich habe mir dann gesagt: „Ach guck mal, es geht ja, du brauchst ja gar nicht so viel Alkohol.“ In trainings-ärmeren Zeiten habe ich dann wieder ein bisschen mehr getrunken.

M: Wie hat sich das geäußert? Abends, nach der Arbeit?

W: Ich habe anfangs immer nur abends getrunken, nie tagsüber. Ich habe mir dann auch gesagt: „Du bist ja gar kein Säufer, du brauchst ja tagsüber gar nichts.“ Wenn ich ausgegangen bin, habe ich deutlich mehr getrunken. Bloß, wenn ich einmal dabei war, habe ich immer zu viel getrunken und konnte kein Maß halten. An sich ist es ja keine Schande, wenn man abends was trinkt, wenn’s nicht täglich ist. Aber ich konnte die Menge und den Zeitpunkt nicht richtig kontrollieren. Das ist natürlich schon ein ganz, ganz schlechtes Zeichen. Spätestens als ich merkte „Ich war ja schon wieder so richtig blau.“, und dass dann ein paar Mal hintereinander, musste ich überlegen, was mit mir nicht in Ordnung war und was nicht stimmte.

M: Und dieser Punkt war bei dir nach dem Autounfall gekommen?

W: Der war sogar schon früher. Ich dachte immer: „Ich bin kein Alkoholiker und ich kann ja, wenn ich will, aufhören zu trinken.“ Und das habe ich dann auch ab und zu so gemacht. Nach 15 Jahre Ehe hat sich meine Frau von mir getrennt. Ich habe das damals nicht verstanden. Im Nachhinein würde ich sagen, hat der Alkohol einen sehr großen Anteil daran gehabt. Ich habe ein halbes Jahr ganz viel getrunken, weil ich so unglücklich war, weil für mich eine Welt zusammengebrochen ist. Dann habe ich gemerkt: „Wenn du jetzt weitermachst, dann stürzt du ab. Dann kriegst du Probleme – auch in der Firma.“ Ich habe damals einen tollen Job gehabt, den ich nicht verlieren wollte. Also habe ich von heute auf morgen aufgehört zu trinken, wollte einfach mal sehen, ob ich das schaffe. Ich war ja überzeugt davon, dass ich kein Alkoholiker bin. Und da habe ich 2,5 Jahre abstinent gelebt. Aber ich habe nicht gesagt: „Ich trinke nie wieder.“, sondern ich wollte einfach mal sehen, ob das geht, ob ich ohne Alkohol leben kann… und das ging. Auch wenn es mir manchmal schwergefallen ist. Nach 2,5 Jahren Trinkpause habe ich wieder angefangen zu trinken, und da war ich innerhalb von 14 Tagen wieder da, wo ich aufgehört hatte. Das war das erste Mal wo mir bewusst war: Ich bin Alkoholiker. 1988 kam die vermutlich erste richtige Erkenntnis in mir, aber erst 2004 habe ich die Therapie angefangen. In der Zwischenzeit bin ich 1994 von Berlin hierhergezogen, die Firma hatte mich eingekauft. Die wollten mich unbedingt in einer Niederlassung in den Niederlanden als Führungskraft einsetzen. Ich wollte ursprünglich nicht aus Berlin weg, aber ich habe mir gesagt „Naja, wenn die mir ein anständiges Gehalt zahlen, dann machst du das.“ Mein Hintergedanke war: „Naja, wenn du eine Veränderung hast, dann trinkst du vielleicht ein bisschen weniger.“ Also mein ganzes Leben habe ich immer mit dem Trinken verbunden.

M: Wie eine Konstante, die immer da war.

W: Ich war mir sicher, dass ich halt mit dem Alkohol leben muss und ihn irgendwie integrieren muss. „Du bist halt süchtig, du kommst davon nicht weg.“ Das machen ganz viele eigentlich, auch wenn sie sich dieser Sache häufig nicht bewusst sind. Hört sich jetzt ein bisschen komisch an, aber ich habe zu dem Zeitpunkt zum Beispiel keine Vorräte mehr Zuhause gehabt, sondern mir immer nur das gekauft, was ich abends nach der Arbeit getrunken habe. Das waren 6 halbe Liter Bier. Die 3 Liter an jedem Wochentag-Abend habe ich gut vertragen. So konnte ich auch morgens gut aufstehen und zur Arbeit gehen. Am Wochenende habe ich viel mehr getrunken.

M: Wann wurde es dann so richtig problematisch?

Ich habe bei meiner Freundin gewohnt in den Niederlanden, hatte aber noch eine Wohnung in Geilenkirchen. Sie hat meine Sucht lange nicht bemerkt. Sie dachte, die Deutschen trinken einfach mehr. Obwohl sie sich manchmal schon gewundert, dass ich von 1-2 Flaschen Bier schon angetrunken war. In Wahrheit hatte ich heimlich schon viel mehr getrunken, denn ich hatte überall Bier versteckt – in der Abstellkammer und im Auto zum Beispiel. 2000 hatten wir dann richtig Streit und ich bin besoffen ins Auto gestiegen, um nach Hause zu fahren. Es war abends, es war dunkel und dann bin ich von der Straße abgekommen, bin gegen einen Baum gefahren und habe mich mit dem Auto überschlagen. Mir ist Gott sei Dank nichts passiert. Da wurde mir dann klar: „So langsam muss du mal was machen, so geht’s nicht weiter.“ Das war auch nicht mein erster Unfall, aber bei den anderen konnte ich immer gut vertuschen, dass ich getrunken hatte. Das war bei diesem Unfall nicht so: Mir wurde der Führerschein entzogen. Erst nach zwei Jahren bekam ich ihn wieder. Dann habe ich mal eine Zeitlang wieder weniger getrunken, aber auch nicht lange. So ein halbes Jahr lang habe ich es geschafft, nicht zu trinken, wenn ich Auto gefahren bin. Aber das hat nicht lange angehalten, bis ich schließlich Ende 2004 meinen nächsten großen, alkoholisierten Unfall hatte. Ich bin einfach auf parkende Autos drauf gefahren. Mir ist wieder nichts passiert. Zu dieser Zeit wollte keiner mehr was mit mir zu tun haben – meine Kinder haben sich verständlicherweise abgewandt und auch meine Schwester, mit der ich ganz dicke war. Meine Freundin wollte mich loswerden. Da war mir endgültig klar „So geht’s nicht weiter. Entweder bringst du dich um oder du machst was.“ Allerdings wusste ich nicht so recht, was und wie.

M: Was glaubst du woran das liegt, dass das unmittelbare Umfeld so reagiert? Eigentlich braucht der Betroffene doch genau dann Unterstützung.

W: Ja, natürlich. Die haben mich auch am Anfang immer unterstützt, aber die haben dann gemerkt, dass ich immer wieder sage: „Jaja ich höre auf, ab morgen trinke ich wirklich nichts mehr.“ Da hat sich aber nichts getan und irgendwann hört die Unterstützung auf, das ist so. Deswegen gehen ja auch so viele Ehen oder Beziehungen auseinander. Das soziale Umfeld bricht auseinander.

M: Wahrscheinlich ein Symptom der Sucht, oder?

W: Ja, genauso ist es. Ob es Spielsucht ist, Tablettensucht. Bei jedem eigentlich. Du tickst ja auch anders, du hast immer was im Kopf. Du denkst anders, bist teilweise auch aggressiv oder willst Deine Ruhe haben und gehst den anderen aus dem Weg. So oder so, da ist einfach nichts mehr mit einem los. Mir war das zu viel und ich wollte nicht mehr. Dann habe ich drei Tage nochmal so richtig gesoffen, lag nur im Bett und bin zum Trinken aufgestanden. So konnte das nicht weitergehen.

 

Der Weg aus der Sucht

M: Wie ging es weiter?

W: Ich erkundigte mich beim Aachener Klinikum und wurde an das Alexianer Krankenhaus verwiesen. Dort habe ich dann über Weihnachten/Neujahr entgiftet. Ein Mit-Patient hat mich an die Hand genommen. Der war schon 20, 30 Mal im Alexianer, ein sogenannter Drehtürpatient. Und der hat mir das ganze Hilfesystem erklärt, was es hier in Aachen gibt. Reichlich Selbsthilfegruppen, bestimmt so um die 15. Und auch die Angebote der Suchthilfe, die mir unbekannt waren. Dort habe ich die Orientierungsgruppe besucht, eine stationäre Langzeittherapie gemacht und mich auch danach noch in einer Nachsorge begleiten lassen. Jetzt arbeite ich dort ehrenamtlich und mache eigentlich das Gleiche, was dieser Mit-Patient damals mit mir im Alexianer gemacht hat: Ich zeige Wege und Hilfsmöglichkeiten auf. Denn fast jeder kommt aus der Sucht raus, der da auch rauskommen will.

M: Wie war die Entgiftung?

W: Man bekommt Tabletten für 3-4 Tage, damit man die Entgiftung gut übersteht. Dann ist der Alkohol raus aus dem Körper. Das geht verhältnismäßig schnell – nach ca. 10 bis 14 Tagen. Nach diesen Tagen kommt man dann langsam wieder zu Kräften und man sieht: Man kann auch ohne, wie lange sei jetzt dahingestellt. Aber wenigstens das mal zu erleben.

M: Der körperliche Entzug geht also schneller, als man so annimmt. Aber wie geht man den emotionalen Entzug an?

W: Der körperliche Entzug geht verhältnismäßig schnell. Aber geht erst die richtige Arbeit los. Aber genau dann ist die Anbindung an die Suchthilfe Aachen oder eine Selbsthilfegruppe – wie dem Kreuzbund, für den ich tätig bin – so wichtig.

 

Alkohol am Arbeitsplatz

M: Ist die Sucht bei deiner damaligen Arbeit aufgefallen?

W: Ich war kaufmännischer Leiter in diesem niederländischen Unternehmen und es ist aufgefallen. Meine Kollegen haben es z.B. daran gemerkt, dass ich montags recht unkonzentriert war und nur meine Ruhe wollte oder daran, dass ich immer aufgrund des Entzugs geschwitzt habe, auch wenn es frisch war. Um nicht angesprochen zu werden und um meine Entzugserscheinungen zu verstecken, hatte ich viele „Tricks“: Bürotür zu, Fenster auf, Leute nicht direkt anschauen, und immer wieder verleugnen.

M: Hättest du dir gewünscht, dass dich jemand darauf anspricht?

W: Damals nicht, nein. Ich hatte immer gehofft, dass mich keiner darauf anspricht; „Hoffentlich merkt es keiner.“ Mein Chef, den ich schon lange kannte, der hat mich ab und zu mal zu sich ins Büro geholt und mir gesagt „Trink nicht so viel, das können wir uns nicht erlauben.“, aber es hat nie Konsequenzen gegeben. Heute sehe ich das ganz anders. Wenn ich mit Yvonne [Yvonne Michel, Fachkraft für betriebliche Suchtprävention, Suchthilfe Aachen, Anm. d. Red.] unterwegs bin, dann ist genau das das Thema. Ich sag den Führungskräften immer: „Bitte sprecht die Betroffenen an. Sprecht nicht über, sondern mit ihnen.“

 

Leben nach der Sucht

M: Wie ist das Verhältnis zu deiner Familie mittlerweile?

W: Bei mir ist alles bestens, ich habe wieder ein ganz tolles Verhältnis zu meinen Kindern. Die finden es toll, wie engagiert ich bei der Suchthilfe bin und meine Arbeit als Regionalleiter für den Kreuzbund Aachen ausübe. Und auch zu meiner Schwester habe ich wieder ein ganz enges Verhältnis.

M: Wie sieht denn deine Arbeit bei der Suchthilfe aus?

W: Seit 2008 bin ich ehrenamtlich bei der Suchthilfe tätig. Hier unterstütze ich z.B. die Therapeuten in der Orientierungsgruppe für alkohol- und medikamentenabhängige Menschen. Ich ergänze mit meinen Erfahrungen und bin für den ein oder anderen ein gutes Vorbild, das zeigt, dass man den Weg aus der Sucht schaffen kann. Ich unterstütze aber auch im Rahmen von Maßnahmen der betrieblichen Suchtprävention, bei Veranstaltungen oder besetze den Empfang bei den offenen Sprechstunden. So konnte ich meine persönlichen Erfahrungen zur Kompetenz machen. Das hilft auch mir letztlich, trocken zu bleiben.

M: Man lernt auch viele verschiedene Menschen kennen, oder?

W: Genau. Mit jedem neuen Gesicht kommt eine neue Lebensgeschichte.

Das ist schon Wahnsinn eigentlich, wie unterschiedlich das Leben schon verlaufen kann. Aber alle Geschichten treffen sich dann eigentlich irgendwann, nämlich dann, wenn die Sucht anfängt. Dann gibt es schon sehr viele Parallelen.

M: Und wie sieht deine Arbeit in den Gruppen aus?

W: Wir reden über Alltagsprobleme, nicht unbedingt über den Alkohol an sich. Sprechen ist schon die halbe Miete. Wenn ich ein Problem habe und darüber spreche, dann merke ich vielleicht, dass das Problem gar nicht sooo groß und unlösbar ist. Da macht man sich das im Kopf vielleicht größer als es ist.

M: Wie sieht dein Leben heute aus?

W: Ich hatte früher auch irgendwie ein tolles Leben, aber es war immer belastet durch den Alkohol – und es wurde mit der Zeit ja immer schlimmer. Wenn ich nicht so feige gewesen wäre, hätte ich mir selbst das Leben genommen. Wenn ich in den Spiegel geguckt habe, hätte ich kotzen können. Ich konnte mich nicht mehr sehen. Ich sah natürlich auch richtig versoffen aus, also es war schon unangenehm. Ich habe nichts mehr Schönes am Leben gesehen. Ich hatte meinen Job, bei dem ich nicht schlecht verdient hab. Ich wollte immer weiter, weiter, weiter. Mehr Geld, das war ganz wichtig für mich. Aber ich habe mich dabei vergessen, ich bin auf der Strecke geblieben. Ich war viel unterwegs, habe tolle Urlaube gemacht – auch um mich abzulenken. Aber um mich und mein Seelenleben habe ich mich nicht gekümmert. Das ist heute anders. Ich genieße das Leben, bin engagiert, treibe Sport, koche gerne und bin vielseitig interessiert. Ich genieße es, abends im klaren Kopf noch die Zeitung im Bett zu lesen und zufrieden vom Tag einzuschlafen. Mein Leben ist heute viel angenehmer als früher. Ja, das ist so ungefähr meine Geschichte, mit der ich nicht hadere. Für mich hat sich alles zum Positiven gewandelt und ich habe viel gelernt.

 M: Ich danke dir für deine Zeit und für das tolle Gespräch, Werner.

Das Gespräch führte Marie-Luise Schlachter, Mitarbeiterin in Ausbildung bei der Suchthilfe Aachen. Eine Kurzfassung des Interviews finden Sie hir im Impuls 3.