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Interview zum Aktionstag Glücksspielsucht

Am 26.09.2018 fand der deutschlandweite Aktionstag Glücksspielsucht statt. Alleine in Nordrhein-Westfalen leben über 80.000 Menschen, die mit dem Glücksspielen Probleme haben. Hinzuzählen muss man neben den Betroffenen selbst ihre Angehörigen – wie Partner, Kinder oder Eltern. Auch sie werden oft erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Denn die Folgen der Glücksspielsucht sind gravierend: Überschuldung, Wohnungs- und Arbeitsplatzverlust, Zerbrechen von Familien, Vereinsamung bis hin zum Suizid. Um auf das Thema Glücksspielsucht aufmerksam zu machen und diese Suchtform stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken, beteiligen sich in NRW heute viele Institutionen wie unsere an dem Aktionstag.

Im Rahmen des Aktionstages hat die Suchthilfe Aachen den Autor Leonard Prandini eingeladen. Er studierte Psychologie und Philosophie in Bonn. Einige Zeit lang arbeitete er in einer Spielhalle, wo er Gelegenheit bekam, sich mit Spielern über ihre oft tragischen Lebensschicksale zu unterhalten. Entstanden ist sein Debütwerk „Alles Verlorene noch einmal in den Händen halten”, in dem er den Protagonisten Christoph durch seinen Alltag beginnt. Wie er den Tag beginnt, gewinnt, verliert und immer wieder entscheidet, jetzt endlich mit dem Glücksspiel aufzuhören. Im Anschluss an die Lesung standen Leonard Prandini sowie Kristina Latz, Suchttherapeutin bei der Suchthilfe Aachen für die vielen Fragen der Zuhörer zur Verfügung. Frau Latz stand uns auch für diesen Blogbeitrag für ein Interview zur Verfügung.

Frage:
Spielhallen sind schon ein besonderer Ort: abgeklebte Scheiben, der Geruch, die Wandfarbe, kostenlose Getränke und Snacks. Zufall oder Masche?

Antwort:
Die Spielhallen sorgen schon sehr bewusst dafür, dass der Spieler dort Zeit und Raum vergisst und sich möglichst wohl fühlt. Oftmals ist es auch ein „Guter Grund“ dort hin zu gehen um nur mal einen Kaffee zu trinken. Süchtige Spieler schaffen dann aber den Absprung leider nicht und die „Masche“ hat sich gelohnt.

Frage:
Was ist das besondere Suchtpotential am Automatenspiel?

Antwort:
Vor allem die schnelle Spielabfolge, auch „Ereignisfrequenz“ genannt, also die Zeit vom Einsatz des Geldes bis feststeht ob man gewinnt oder verliert ist sehr kurz. Dies sorgt bei den Spielern für den „Kick“. Zudem suggerieren zwei von drei richtigen Symbolen die so genannten „Fast Gewinne“ und treiben dazu an, es nochmal zu versuchen, weil man ja so knapp vor dem großen Gewinn war. Spätestens wenn viel Geld eingesetzt wurde, hält dann der Gedanke, dass der Automat ja irgendwann einen Gewinn auszahlen muss, den Spieler weiter aktiv um das verlorene Geld wieder zurück zu gewinnen. Neben diesen auf das Spiel bezogenen Faktoren trägt auch die hohe Verfügbarkeit, die Möglichkeit auch kleine Einsätze zu machen sowie die kostenlosen Getränke und Snacks zum Suchtpotential der Automatenspiele bei.

Frage:
Christoph, der Protagonist, sagt an einer Stelle des Buches, Spielen sei wie eine Droge. Inwiefern kann man Spielsucht mit einer Alkohol- oder Drogensucht vergleichen? Wie kann ich mir einen Rausch beim Spielen vorstellen?

Antwort:
Der Rausch ist ähnlich wie bei stoffgebunden Süchten, teilweise auch recht körperlich mit euphorischen Gefühlszuständen, Herzrasen und Schwitzen. Es werden bei dem Gedanken an einen Gewinn oder wenn tatsächlich etwas gewonnen wird ähnliche Botenstoffe im Körper ausgeschüttet, die einen Rausch verursachen können.

Frage:
Christoph hat Angst, mit dem Spielen aufzuhören. Kennst Du diese Angst vor dem Aufhören, vor der Abstinenz auch bei Deinen Klienten und was macht diese genau aus, wo doch der Spielstop das „Vernünftigste“ scheint.

Antwort:
Diese Angst kenne ich von unseren Klienten sehr gut. Meist hat sie etwas damit zu tun, was diese erwartet, wenn sie sich nicht mehr mit dem Spielen betäuben. Dies sind meist große finanzielle Sorgen und Probleme, Schuldvorwürfe sich selbst gegenüber und viele negative Gefühle, die durch das Spielen kurzfristig verdrängt, aber langfristig verschlimmert wurden. Die Sorge mit dieser Belastung eine Abstinenz nicht auszuhalten, treibt viele dazu trotz „Vernunft“ weiter zu Spielen.

Frage:
Christoph hat zwei Jahre lang nicht gespielt. Er fängt wieder an, als es ihm nicht gut geht und beschreibt seinen Rückfall so: „Wenn man zurückkommt, ist es wie eine Zeitreise. Es hat sich nichts geändert… Man kann nach zwei Jahren Abstinenz rückfällig werden und schon noch zwei Spielen ist es einem, als hätten diese Jahre niemals stattgefunden…“ Was macht es so schwer, abstinent zu bleiben?

Antwort:
Das Suchtgedächtnis, also die Erinnerung daran, wie gut das Spielen in  belastenden Situationen und Gefühlen geholfen hat. Leider wird oft vergessen, dass dies nur eine vermeintliche und kurzfristige Entlastung war. Die Alternativen (z.B. sich den Gefühlen stellen, Konflikte austragen etc.) scheint erstmal anstrengender, schwieriger und ungewohnt. Daher fällt es vor allem in Risikosituationen schwer, die Abstinenz aufrecht zu erhalten.

Frage:
Woran kann ich selbst oder als Angehörige merken, dass man spielsüchtig ist oder wird, bzw. abrutscht?

Antwort:
Hier gibt es keine klaren Kriterien, denn die Grenzen sind fließend. Aber Warnsignale sind sicher,

  • wenn die Person immer mehr Zeit, Geld und Gedanken an das Spielen investiert,
  • wichtige Dinge des Alltags (Job, Hobbies, Freundschaften) vernachlässigt,
  • lügt, um zu spielen,
  • mit dem Spielen Schulden macht oder
  • sich dafür Geld leiht,
  • das Spielen nicht stoppen kann, obwohl er/sie den Wunsch geäußert hat.

wer sich unsicher ist, ob er bereits betroffen ist oder gefährdet sein könnte, sollte ein unverbindliches Gespräch in einer Suchtberatungsstelle suchen.

Frage:
Die Kommunikation mit Ute, Christophs Freundin, ist schwierig. Sicher sorgt sie sich, will ihn zum Aufhören motivieren und vielleicht auch unterstützen. Jedoch kommt es immer wieder zu Vorwürfen, Kontrollen und schließlich zum Streit. Was macht Sie Deiner Meinung nach „falsch“? Wie können Angehörige hilfreicher reagieren?

Antwort:
Angehörige sollten nicht durch Kontrolle und Vorwürfe die Situation eher noch zuspitzen. Besser wäre es, die eigene Sorge mitzuteilen, Hilfsangebote aufzuzeigen, Hilfe anzubieten, aber auch deutlich die eigenen Grenzen setzen. Dies kann z.B. bedeuten, kein Geld zu leihen und nicht die Lügen zu unterstützen, indem sie z.B. den Partner beim Arbeitgeber krank melden. Dies führt oft dazu, dass das Problem nur weiter aufrecht erhalten bleibt. Angehörige können aber auch nur bedingt Einfluss nehmen und sollten sich – falls keine ihrer Interventionen langfristig funktionieren – gut um die eigene Gesundheit kümmern. Auch hier empfehle ich den Besuch einer Suchtberatungsstelle für die Angehörigen.

Frage:
Christoph hat nie professionelle Hilfe angenommen. Hätte er diese gewollt, wie und wo hätte er sie beispielsweise hier in Aachen finden können?

Antwort:
Bei der Suchthilfe Aachen gibt es zwei Mal in der Woche eine offene Sprechzeit für Spieler und deren Angehörige. Diese sind montags von 9-11 Uhr und donnerstags von 16-18 Uhr. Hier findet ein Erstgespräch statt bei dem die aktuelle Situation und weiterführende Hilfen besprochen werden. Erste Informationen kann man auch auf unserer Webseite www.suchthilfe-aachen.de erhalten.

Frage:
Damit es erst gar nicht zu einer Sucht kommt, kann Prävention vielleicht helfen. Was wäre hier möglicherweise ein sinnvoller Ansatz? Welche Ideen haben Sie zum Stichpunkt „Prävention“?

Antwort:
Orte, an denen sich junge Menschen aufhalten, können gute Möglichkeiten bieten, um suchtpräventive Botschaften zu setzen. Hierzu gehören z.B. Jugendeinrichtungen, aber natürlich auch Schulen. Studien zeigen, dass das Thema exzessives Glücksspiel gerade bei Berufsschülern vorkommt. Also wäre gerade Berufsschulen ein guter Partner in der Suchtprävention. Unsere Fachstelle für Suchtprävention unterstützt mit Klassenbesuchen, Multiplikatoren-Fortbildungen und Präventionsberatungsgesprächen. Mit Hilfe von interaktiven Methoden, wie die aus der Glüxxbox, kann es gut gelingen, auf das Phänomen Glücksspielsucht aufmerksam und die Strategien der Spielindustrie zu machen.Interessierte können sich melden bei: fachstelle für Suchtprävention, Saskia Engelhardt, Tel.: 0241/4135610, engelhardt {at} suchthilfe-aachen(.)de

veröffentlicht am 8. Oktober 2018

Autor: Yvonne Michel

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